Verglichen mit den Reihen westlicher Gebäude und trendigen Kunstvierteln wird das alte Stadtgebiet von Reisenden oft weniger beachtet. In Wirklichkeit ist genau hier das alte Shanghai-Leben am tiefsten verwurzelt.
Rund um den Volksplatz und dann Richtung Süden gelangt man in Shanghais Altstadt, von Einheimischen meist „Nanshi“ genannt. Nachts leuchtet der Yu-Garten; tagsüber ist der lebhafte, etwas kommerzielle Gott-des-Stadt-Tempel und am Morgen dampfen die alten Gassen beim Frühstück – alles zeigt eine ganz andere Seite der Stadt. Auch wenn Umbauten und Sanierungen das Viertel verändern, lohnt es sich, für die menschliche Wärme und den lokalen Charakter bewusst langsamer zu werden.
Yu-Garten: Ein klassischer Garten mitten in der Stadt
Der Yu-Garten ist über 400 Jahre alt. Er wurde ursprünglich als privater Garten vom Ming-Beamten Pan Yunduan für den Ruhestand seines Vaters angelegt. Das Zeichen „Yu“ steht für Wohlbefinden und Muße. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte der Garten mehrfach den Besitzer, diente während des Aufstands der Kleinen-Schwerter-Gesellschaft als Stützpunkt, wurde besetzt und beschädigt, viele Gebäude brannten nieder. Nach 1949 erfolgte eine umfassende Restaurierung, sodass er heute in der Form, die Besucher kennen, der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Große Felsformation (Great Rockery)
Der Yu-Garten erstreckt sich über mehr als 30 Morgen und beherbergt zahlreiche sehenswerte Pavillons und Aussichtspunkte. Der berühmteste ist die Große Felsformation gegenüber der Jingguan-Halle, die aus Tausenden Tonnen gelber Steine besteht, von denen jeder eine einzigartige Form hat. Es handelt sich um das einzige erhaltene Werk des berühmten Ming-Zeit-Felsenmeisters Zhang Nanyang. Oben auf der Felsformation befindet sich der Wangjiang-Pavillon, von dem aus man einen hervorragenden Überblick über den Garten hat.
Jade Exquisite (Yulinglong)
Bekannt als der Schatz des Yu-Gartens steht Yulinglong neben dem Guantao-Pavillon. Dieser grazile Steingipfel mit unzähligen wabenartigen Löchern gehört zu den „Drei berühmten Gipfeln des südlichen Yangtze“. Der Legende nach ist er ein übrig gebliebener Stein aus dem Bau des Genyue-Gartens unter Kaiser Huizong der Song-Dynastie.
Alte Bühne
Die über 7 Meter hohe alte Bühne im Garten fasst mehr als 200 Zuschauer und wird als „die Nummer eins unter den Bühnen südlich des Yangtze“ bezeichnet. Sie ist mit kunstvollen Schnitzereien von Drachen, Phönixen, Löwen und anderen Motiven verziert, alles mit Blattgold überzogen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auf den hinteren Steinsäulen auch die Kalligrafie des berühmten Peking-Opernkünstlers Yu Zhenfei.
Jishui-Jade-Korridor
Der Jishui-Jade-Korridor, der den Huijing-Turm mit dem Hanbi-Turm verbindet, ist einer der längsten Wassergänge in den klassischen Gärten südlich des Yangtze. Unter der Brücke schwimmen gelegentlich goldene Fische vorbei, während Pavillons und Türme zu beiden Seiten des Ganges stehen. Diese wunderschöne Jiangnan-Szenerie sollte man auf keinen Fall verpassen.
Um Touristen ein Komplettangebot zu bieten, ist das antik gestaltete Einkaufszentrum direkt neben dem Yu-Garten mittlerweile fester Bestandteil des Besuchsgebiets. Aufgrund der großen Besucherzahl kann es dort allerdings sehr voll und laut werden. Wer nur ein paar Souvenirs kaufen möchte, ist mit einem kurzen Abstecher meist gut bedient.
【Praktische Informationen】
Adresse: Yuyuan Old Street Nr. 279, Huangpu District, Shanghai
Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag 09:00–16:30 Uhr, Montag geschlossen
Eintrittspreis: Hochsaison 40 CNY (April–Juni, September–November); Nebensaison 30 CNY (Juli–August, Dezember–März)
Stadtgott-Tempel: Das taoistische Herz von Shanghai
Wenn die meisten Menschen vom Stadtgott-Tempel neben dem Yu-Garten sprechen, denken sie zuerst an die benachbarte Essensstraße. Doch der taoistische Tempel selbst – über 600 Jahre alt und damit sogar älter als der Yu-Garten – ist unbedingt einen ausführlichen Besuch wert.

Der Stadtgott-Tempel von Shanghai wurde in der Yongle-Ära der Ming-Dynastie erbaut und mehrfach renoviert und wiederaufgebaut. Heute umfasst die Tempelanlage neun Hallen. In der Vorderen Halle hängt über dem Haupteingang ein Schild mit der Aufschrift „Stadtgott-Tempel“. Darin steht die sitzende Statue des Generals Huo Guang aus der Westlichen Han-Dynastie. Die letzte Halle ist die Stadtgott-Halle, in der Qin Yubo verehrt wird – jener Beamte, den Kaiser Zhu Yuanzhang, der Gründer der Ming-Dynastie, zum Stadtgott von Shanghai ernannt hatte. In der Halle ist Qin Yubo mit rotem Gesicht, langem Bart und würdevoller Sitzhaltung dargestellt – eine sehr würdevolle Erscheinung.
Darüber hinaus gibt es im Tempelkomplex die Cihang-Halle (Gebete um Frieden), die Reichtumsgott-Halle (Gebete um Wohlstand) und die Wenchang-Halle (Gebete um schulischen Erfolg) … Wer Zeit hat, sollte alle besuchen.
Jeder Besucher erhält am Eingang des Stadtgott-Tempels kostenlos Räucherstäbchen.
【Praktische Informationen】
Adresse: Fangbang Middle Road Nr. 249, Huangpu District, Shanghai
Öffnungszeiten: 08:00–21:00 Uhr
Eintritt: 10 Yuan
Laoximen: Die langsam verschwindende Gassenwelt Shanghais
In der Altstadt von Shanghai spielt die Gassenkultur eine zentrale Rolle. Enge Gassen, freiliegende Kabel, darüber flatternde Wäsche – das alles erzählt auf den ersten Blick eine Geschichte. Viele der älteren Gassen konzentrieren sich zwischen Laoximen und Xiaonanmen. Auch wenn viele Häuser mittlerweile leer stehen und auf Sanierung oder Abriss warten, lebt die Erinnerung an das Alltagsleben hier für viele Shanghaier noch sehr stark.
Longmen-Village (Longmen Cun)
Longmen Village ist derzeit die längste erhaltene „neue“ Lilong-Gasse in Shanghai. Noch heute sind die großen Schriftzüge „1935“ und „Longmen Village“ deutlich auf dem Torbogen zu erkennen. Bereits in der Qianlong- und Jiaqing-Zeit der Qing-Dynastie wurde das Land gekauft, um einen privaten Garten anzulegen, der später zur Longmen-Akademie wurde – der Vorläufer der heutigen Shanghai High School. 1935 zog die Schule um, und das Gelände wurde zu dem, was heute Longmen Village ist.

Im Vergleich zu anderen alten Lilongs sind die Straßen in Longmen Village breiter und die Häuser regelmäßiger angeordnet. Die Gebäude wurden ursprünglich mit grünen und roten Ziegeln errichtet und haben größtenteils ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt – lediglich die Fassaden wurden neu gestrichen. Selbst die Türschnitzereien sind erstaunlich gut erhalten. Um die Ecke steht noch immer der alte Friseurladen. Besonders sehenswert sind die Häuser Nr. 10 und Nr. 30. Da Longmen Village relativ früh gebaut wurde, finden sich hier deutlich mehr traditionelle chinesische Elemente als in vielen späteren Shikumen-Bauten mit starkem westlichem Einfluss – ein authentischerer Blick auf das alte Shanghai.
Derzeit leben noch einige wenige Bewohner in Longmen Village. Seien Sie beim Besuch bitte rücksichtsvoll und stören Sie die Anwohner nicht.
【Praktische Informationen】
Adresse: Shangwen Road, Lane 133, Huangpu District, Shanghai
Wer noch mehr Shanghaier Gassenwelt erleben möchte, kann in der Umgebung der Laoximen-Metrostation auch durch Dahuali, Fuqingli und Yongyeli spazieren. Alternativ lohnt sich ein Besuch im Shikumen Wulixiang Museum in der Nähe von Xintiandi, wo man die Raumaufteilung und Alltagsgegenstände einer Shanghaier Wohnung aus den 1920er Jahren kennenlernt und das damalige Gassenleben hautnah nachempfinden kann.